Geschichte der Gemeinde Nufenen
 
Über Jahrtausende prägte der junge Hinterrhein, die mächtigen Eismassen des Paradiesgletschers, Sonne, Kälte und Regen die Landschaft des Rheinwalds. Nach dem Rückzug der Eismassen breitete sich ein hochalpiner Urwald über den Talkessel aus, der in der Ebene immer wieder vom Hochwasser führenden Hinterrhein zurückgedrängt wurde.

Die meisten Bilder auf dieser
Seite sind per Klick vergrösserbar.
 
Aus prähistorischer Zeit sind uns im hinteren Rheinwald bis heute noch keine menschlichen Siedlungen oder Fundgegenstände bekannt. Auch die Römer, welche den San Bernardinopass, den Vogelberg, als Saumweg ausbauten, hinterliessen im Talgrund von Hinterrhein und Nufenen keine uns bekannten Besiedlungsspuren. Auch über die alpwirtschaftliche Nutzung des Rheinwalds durch die Romanen aus dem Schams ist uns wenig bekannt. Erstmals in den Urkunden von 1274 und 1277 wird die Ansässigkeit einer deutschsprachigen Bevölkerung erwähnt, welche mit den Freiherren von Sax Misox und Vaz Verträge abschlossen über ihre Besiedlungsrechte und Zinszahlungen. Erst in der Urkunde von 1286 werden mehrere Walserfamilien namentlich erwähnt, welche aus dem Goms, aus Simplon Dorf, aus dem Val Formazza (Pomat), und Bosco Gurin ins Rheinwald auswanderten, um hier eine neue Existenz zu finden.
 

Die Walser, alemannischstämmige Bauern und Hirten, besiedelten das Rheinwald vom San Bernardinopass her und gründeten ihre Höfe um Hinterrhein und Nufenen. Der Name Nufenen stammt von novena, was so viel wie neue Rodung, neue Siedlung bedeutet. Urkundlich wird die neue Siedlung erstmals 1343 als Ovena erwähnt und erst 1633 als Nufena.

 

In dieser Zeit entstanden in den gerodeten Waldlichtungen die typischen Walserstreusiedlungen. Häuser und Ställe entstanden dort, wo das Futter für das Vieh geerntet wurde. Wohnhäuser und Ökonomiegebäude waren ursprünglich getrennt angeordnet.

 

Bis ins 18. Jahrhundert hatte sich diese Besiedlungsform erhalten. Dann wurde wegen des zunehmenden Transitverkehrs vermehrt im Dorfzentrum, am Oberhäusernbach, gebaut. Die Lagerräume der Transitgüter und die Stallungen der Saumtiere waren nun zentral gelegen. Die Aussenhöfe wurden aus wirtschaftlichen Gründen, vielleicht aber auch durch die Bedrohung von Lawinen und Rüfen nach und nach aufgegeben.

 

Die Fundamente der alten Streusiedlungen konnten bis in die 1980er Jahre noch gut ausgemacht werden. So standen bis dahin vereinzelte Grundmauerreste und deutliche Vertiefungen der Haus- und Stallfundamente auf den umliegenden Feldern des heutigen Dorfkerns. Nach der Güterzusammenlegung von 1978-1984 wurde das Gelände um die alten Höfe von den neuen Besitzern ausgeebnet und die Wiesen bewirtschaftungsfreundlicher gestaltet. Historische Siedlungsspuren wurden so leider beseitigt. Heute weisen noch einige Flurnamen wie Althuus, Brennhof, Alpa, Alt Prasch, Underem Wald, Furra und Tossa auf die alten Siedlungen hin. Es sollen einst mehr als 14 Einzelhöfe gewesen sein.

Der Prasch, ein letzter Zeuge der Nufner Streuhofbesiedlungen, hat bis heute überlebt. Er liegt nur wenige Gehminuten vom heutigen Dorfrand entfernt. 1928 ist am Prasch das Elektrizitätswerk Nufenen entstanden, das immer noch von der dort wohnenden Familie Trepp betreut wird.

 

Kirchlich gehörte Nufenen ursprünglich zum Kapitel San Giovanni e San Vittore im Misox, ca. 1300-1696 zu Hinterrhein. 1643 löste sich Nufenen von der Kirchgemeinde Hinterrhein und baute sich ein eigenes Gotteshaus im Dorfzentrum. 1696-1874 war Nufenen eine eigene Kirchgemeinde, danach ging man mit Hinterrhein wieder eine  Pfarreigemeinschaft eine. 1530 Übertritt zur Reformation.

   

 

Bis 1800 war Nufenen mit beinahe 400 Einwohnern die Bevölkerung stärkste Gemeinde des Rheinwalds und somit auch das politische Zentrum des Tales. Hier wurde im Rathuus Gericht gehalten und im Schwarzwald auf dem Schönboden am Galgen Todesurteile vollstreckt.

 

Die Bevölkerung lebte bis 1880 von der Land- und Alpwirtschaft und vom Warentransport als „Säumerbauern“ über den Splügen- und San Bernardinopass. So kam es auch, dass sich die Familie Hössli ihre auffällig rot verputzten Handelshäuser vorerst in Hinterrhein und dann in Nufenen (Rothuus um 1789) bauen liess.

 

Der älteste Dorfplan von 1819 zeigt uns, wie sich die neu entstandenen Gebäude an der Durchgangsstrasse zum San Bernardinopass orientierten. Nufenen ist in der Blütezeit des Warentransits über die Bündnerpässe an der „Unteren Strasse“ zu einem stattlichen Strassendorf herangewachsen.

 

Entlang der Strasse entstanden das Grosshuus, wohl eines der ältesten Häuser im heutigen Dorfzentrum, das Rathuus, ehemaliges Gerichtsgebäude der Landschaft Rheinwald mit Gerichtsstube und Kerker, die vornehmeren Handelshäuser Schloss und Wiishuus und natürlich das Rothuus der Handelsfamilie Hössli. Zu diesen stattlichen Häusern gehörten auch die Stallungen für das Gross- und Kleinvieh und vor allem auch für die zahlreichen Saumtiere, Pferde und Maultiere, für den Warentransport über die Pässe.

 

Das "Rothuus" wurde im Auftrag der berühmten Handelsfamilie Hössli erbaut. Es war Wohn-, Bauern- und Handelshaus mit all den grossen Lagerräumen im Erdgeschoss und den dazugehörenden Stallungen. In dieser Zeit blühte der Handel an der San Bernardino-Route stark auf. Die Bündner Pässe wurden damals oft dem Gotthardpass vorgezogen. Über dem Torbalken des Hausstalles ist die Jahrzahl 1789 eingeschnitzt. Vermutlich ist das Wohnhaus noch einige Jahre älter datiert. Dieses Haus spielte in der Geschichte des Rheinwalds, aber auch in der Geschichte des Kanton Graubündens eine wichtige Rolle.

 

Podestà Johann Jakob Hössli war Präfekt während des zweiten Koalitionskrieges von 1799 – 1801. Er war es dann auch als Landammann, der mit geschickten Verhandlungen Nufenen vor dem Einäschern französischer Truppen bewahrte, weil Nufner und Hinterrheiner Bauern am San Bernardinopass den französischen Truppen kurzen Widerstand leisteten.

 

Im Rothuus wurde 1800 auch sein Sohn Philipp Hössli geboren, der in Deutschland Rechte studierte und später Mitglied der Bündner Regierung wurde. Im "Rothuus" tagte mehrere Male das Bundesappellationsgericht des Grauen Bundes.

 

Die Bevölkerungsstatistik der Gemeinde zeigt grössere Auswanderungen im 19. Jahrhundert an

 

1823, mit der Eröffnung der Kommerzialstrasse über die Pässe Splügen und San Bernardino konnten mit den Pferdefuhrwerken, den Frachtwagen und Postkutschen, auf Anhieb grössere Lasten transportiert werden als mit den Saumtieren. In dieser Zeit verlor so mancher Säumer seinen Verdienst im Rheinwald. Eine erste grössere Auswanderungswelle erfasste das Tal. Auswanderungsziele waren das nahe Oberitalien, Frankreich, Österreich, Deutschland, Belgien, Polen und nur vereinzelt zog es die Rheinwalder vorerst nach Übersee.

 

Europaweite Missernten und Hungersnöte und eine Landwirtschaftskrise, lösten um 1850 im Rheinwald eine zweite grosse Auswanderungswelle aus. Und mit dem Bau der Brennerbahn 1867 und vor allem mit der Eröffnung der Gotthardbahn kam der Güterverkehr über die Bündnerpässe beinahe ganz zum Erliegen. Nochmals verliessen vor allem jüngere Leute unser Tal, diesmal nach Amerika und Neuseeland.

 

Die Gemeinde Nufenen wies im 19. Jahrhundert mit 150 Auswanderern den grössten Rückgang aller Talgemeinden aus. Aus der Bevölkerungsstatistik geht hervor, dass Nufenen in dieser Zeitspanne mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung verlor.

Bis 1830: Einfluss des Strassenbaus über Splügen- und San Bernardinopass und Verlust der Säumerarbeitsplätze.

Bis 1850: Missernten und Hungerswinter in der Schweiz und im Rheinwald, Landwirtschaftskrisenjahre. Bis 1885: Bau der Brennerbahn 1867 und Eröffnung der Gotthard-Eisenbahn 1882.


Auswanderungskurven der erfassten Auswanderungen im Rheinwald von 1800 bis 1900  (Sabine Simmen, Rheinwalder Auswanderung im 19. Jahrhundert)

 

Schulhaus und Sennereigenossenschaft Nufenen 1846, erste genossenschaftliche Sennerei Graubündens.

Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, haben sich die Nufner Landwirte entschlossen ihre Milch gemeinsam zu verarbeiten. 1846 baute die Gemeinde zusammen mit der Sennereigenossenschaft das heutige Schulhaus.

 

Im Erdgeschoss entstanden die Sennerei mit dem Käsekeller und dem Gemeinschaftsbackofen der Dorfgemeinschaft, im ersten Stock die beiden Schulzimmer der Unter- und Oberschule und in den weiteren Stockwerken die Pfarrwohnung. Die Schule konnte nun vom Grosshuus ins neue Schulhaus einziehen. Der Anbau des Gemeindesaals erfolgte erst 1951 in Fronarbeit der Knabengesellschaft und älterer Dorfbewohnern.


In der Dorfsennerei wurde in den 1950er Jahren der Bündner Bergkäse vom Sennen Christian Spitz entwickelt und bis in die Hauptstädte Europas wie London und Paris versandt. Der Käseproduktion ist die Genossenschaft bis heute treu geblieben. 1992 sind die Bergbauern von Nufenen und Hinterrhein zur biologischen Landwirtschaft umgestiegen, um so die Qualität ihrer Milchprodukte zu wahren und dem Milchpreiszerfall entgegenzuwirken. Die Gewinne aus der Käseproduktion wurden in den letzten Jahrzehnten stets in die Erweiterung und Modernisierung der Anlagen investiert. Heute werden mit dem Viamala-Käse aus der Dorfsennerei neue Märkte über einen Süddeutschen Käsegrosshändler Richtung Europa erschlossen. Auf dem Schweizermarkt ist der Nufnerkäse als Bündner Bergkäse erhältlich.


 

Bau des EWN, des Elektrizitätswerks Nufenen 1928

 

Der Prascherbach, auch Sagabach genannt, erzeugt seit 1928 elektrischen Strom für das Dorf. Einst trieb er unten an der Kantonsstrasse das Holzrad der Dorfsägerei und oben die Mühlsteine der Prascher-Mühle an.

 

Heute steht an dieser Stelle das Maschinenhaus des Elektrizitätswerks. Auf 1850 m.ü.M. wird das Wasser gefasst und in einer Druckleitung auf die Turbine ins Maschinenhaus am Prasch geleitet. Übers Jahr werden so durchschnittlich jeden Tag 870 kw/h produziert, das sind im Jahr gut 300 000 kw/h.

 

Um die Effizienz der veralteten Anlage zu steigern, werden schon längere Zeit verschiedene technische Studien verfasst und Projekte ausgearbeitet. Im Sommer 2009 soll das Bewilligungsverfahren abgeschlossen sein und dem Bau der neuen Anlage nichts mehr im Wege stehen. So wird auch künftig wertvoller Strom aus sauberer Wasserkraft ins Stromnetz der Gemeinde eingespeist. Die neue Turbine soll vier mal mehr Strom erzeugen als die bisherige.

 

Der geplante Stausee Rheinwald (1939-1946) und seine Auswirkungen auf das Dorf Nufenen

 

Das Stauseeprojekt Rheinwald von 1939–1946 sah den Bau zweier Staumauern vor. Eine kleinere Betonmauer bei Sufers und eine 700 Meter lange und 150 Meter hohe bei der Burgruine Splügen. Das historisch gewachsene Passdorf Splügen wäre mit seiner Geschichte in den Fluten des 280 Mio. m3 fassenden Grossstausees versunken. Medels hätte den unteren Dorfteil mit der Kirche verloren und die Gemeinde Nufenen die Häusergruppe Hennabüal aufgeben müssen. 60% ihrer Fettwiesen wären im Stausee versunken, was für die Dorfbevölkerung beträchtliche wirtschaftliche Folgen gehabt hätte. Grosse existentielle Sorgen haben damals die Rheinwalder Bevölkerung getroffen. Mit Umsiedlungsprojekten für die betroffenen Landwirtschaftsbetriebe in die Rüti zwischen Splügen und Sufers, ins nahe Domleschg oder ins Schweizer Unterland und dem Bau von Neu Splügen wollte man die einheimische Bevölkerung für dieses Grossprojekt gewinnen. Der politische Widerstand der Talbevölkerung war geschlossen gross.

 



Erst am 29. Nov. 1946 wurde das Stauseeprojekt am Hinterrhein nach jahrelangem Rechtsstreit und politischem Widerstandskampf vom Bundesrat definitiv abgelehnt. Das Rheinwald war gerettet!

     

 
 

Landwirtschaft

Gesamtmelioration auf dem Gemeindegebiet von 1978-1984

 

Nufenen ist ein von der Landwirtschaft stark geprägtes Dorf. Früher bewirtschafteten nahezu 40 Landwirtschaftsbetriebe in harter Handarbeit die Ländereien rund um das Dorf. Durch die aufkommende Mechanisierung nach dem zweiten Weltkrieg verringerte sich die Anzahl der Betriebe laufend. Die Kleinstbetriebe liessen keine Existenzen mehr zu, eine erneute Abwanderung fand statt.

 

Heute sind es noch 12 mittlere und grössere Milchlieferanten, welche zwischen 8 und 22 Kühe, etliches Jungvieh und Kleinvieh wie Schafe und Ziegen besitzen. Ein Landwirtschaftsbetrieb betreibt Mutterkuhhaltung.

 

Mit der Melioration entstand ein verzweigtes Strassennetz zu den Bergwiesen am Südhang des Dorfes am Fusse des Tälihorns. Auch die benachbarten Güter auf der rechten Talseite erhielten ihre Erschliessung. Mit der Neuzuteilung der Parzellen und dem neu entstandenen Strassennetz erlangten die Landwirtschaftsbetriebe erhebliche Vorteile. Die gesamte Heuernte kann heute zu den neu entstandenen Dorfställen gefahren werden, was für das bewirtschaften der Betriebe von grosser Bedeutung ist.

 

Auch wurden die beiden Kuhalpen Tälialp und Butz zur Steinigbodenalp zusammengelegt. Der 1983 gebaute Alpstafel bietet Platz für 120 Kühe. Die Milch wird während der Alpzeit im Sommer durch eine Milchleitung in die Dorfsennerei geleitet und dort zu Bündner-Bergkäse verarbeitet. 

   
 
 

So wird sich auch in den kommenden Jahren die Gemeinde weiterentwickeln und sich den zeitlichen Gegebenheiten anpassen.